Melisse als Heilpflanze – Inhaltsstoffe und Wirkung

Bereits im 11. Jahrhundert beschrieb der serbische Arzt Avicenna die außerordentliche Heilwirkung der Melisse (Melissa officinalis). Und tatsächlich wirkt das Kraut positiv auf vielfältige Leiden, wie Erkältung oder Nervenkrämpfe. Dabei nennt man die Melisse aufgrund ihres leichten Zitronengeruchs auch häufig Zitronenmelisse. Beide Bezeichnungen leiten sich von dem altgriechischen Wort meliteion ab, dessen Vorsilbe ‚meli‘ nichts anderes bedeutet als ‚Honig‘. Kein Zufall, denn Bienen bevorzugen die wohlduftende Melisse tatsächlich als Futterpflanze und auch für Menschen ist sie aromatisch wie kulinarisch interessant. Lesen Sie hier mehr dazu.

Woher stammt die Melisse? – Anwendungsgeschichte der Melissa officinalis

Da die Melisse keine hohen Ansprüche an Standort und Klima stellt, wächst sie heute problemlos in ganz Europa. Ursprünglich beheimatet ist der Lippenblütler Melissa officinalis allerdings in Vorderasien und dem östlichen Mittelmeerraum. Als Basis für die medizinische Anwendung der Zitronenmelisse dienten dabei maßgeblich Aufzeichnungen aus dem arabischen Raum, denen zu Folge das Kraut die Nerven beruhigt, Ängste zerstreut, Kopfschmerzen vertreibt und das Herz stärkt. In Europa prägten besagte Schriften zunächst die Nutzung von Melisse in der spanischen Heilkunde des 11. Jahrhunderts. Etwas später, im 12. Jahrhundert, kamen mit dem ‚Circa instans‘ aus der Schule von Salerno auch erste europäische Schriften auf, die sich mit der Melisse als Heilpflanze beschäftigten. Es vergingen jedoch weitere fünfhundert Jahre, bis im 16. Jahrhundert schließlich auch in deutschen Klostergärten ein Anbau der Melissa officinalis erfolgte.

Kaum als Heilkraut bekannt, wurden der Melisse hierzulande diverse Beinamen verliehen. Von Bienenkraut über Darmgichtkraut und Herzkraut bis hin zu Nervenkräutel oder Zahnwehkraut etablierten sich im Laufe der Zeit viele Synonyme für die Melisse. Auch der Name Zitronenmelisse, der den Geruch der Heilpflanze beschreibt, dürfte damals entstanden sein. Für Verwechslungsgefahr sorgte hierbei des Öfteren der botanische Fachbegriff Melissa. Er wurde in der Antike nicht nur für die Melisse, sondern auch für das Immenkraut (früher Melissae folio) verwendet, was noch heute zu einer Reihe von Übersetzungs- und Deutungsfehlern führt.

So gehen beispielsweise viele Internetseiten irrtümlicherweise von einer erstmaligen Erwähnung der Zitronenmelisse durch die antiken Mediziner Plinius und Dioskurides aus, obwohl in entsprechenden Textauszügen eigentlich das Immenkraut behandelt wird. Ebenso gerne fehlinterpretiert wird das in Hildegard von Bingens ‚Physica‘ aufgeführte Kraut Binsuga. Zwar setzt sich die Pflanzenbezeichnung aus den altertümlichen Worten für ‚Biene‘ und ‚Saugen‘ zusammen, die von Bienen hoch geschätzte Melisse ist damit jedoch nicht gemeint. Vielmehr gehen Fachleute inzwischen davon aus, dass Hildegard von Bingen mit Binsuga die Weiße Taubnessel (Lamium album) meinte. Jene ähnelt der Melissa officinalis optisch sehr und wird von Bienen ebenfalls gerne als Nektarquelle genutzt.

Gut für Mensch und Tier – Von der Heilwirkung der Melisse

© Alexander Raths - Fotolia.com
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Mitte des 16. Jahrhunderts fand die Melissa officinalis besondere Anerkennung durch den Mediziner Paracelsus. Er machte die Melisse zu seiner ‚liebsten Pflanze‘ und lobte deren positive Wirkung bei Herzbeschwerden folgendermaßen:

„Melisse ist von allen Dingen, welche die Erde hervorbringt, das beste Kräutlein für das Herz.“

Zuvor schätzte bereits der serbische Arzt Avicenna in seinem 1037 n. Chr. erschienenen Werk ‚Kanon der Medizin‘ die Melissa als vitalisierendes und stimmungsaufhellendes Heilkraut. Das Schriftstück gilt bis heute als Standardwerk der medizinischen Ausbildung.

Als Bienenkraut bzw. Bienenweide sehr beliebt war Zitronenmelisse schon immer bei Imkern. Gemeinhin herrscht die Überzeugung, dass der zitronige Pflanzengeruch Bienen am Ausschwärmen hindere, wenn man ihre Stöcke damit einreibt. Nicht zuletzt sollen sich Liebeskummer, Heimweh und andere Arten des seelischen Herzschmerzes angeblich durch getrocknete Melissenblätter beheben lassen, wenn diese in einem Säckchen um den Hals trägt.

Erwiesen ist die Wirkung derartiger Talismane nicht. Dafür aber, dass Zitronenmelisse die Milchproduktion anregt. Sowohl stillende Frauen, als auch Bäuerinnen, die die Milchmenge ihrer Kühe fördern möchten, nutzen deshalb bis heute Zitronenmelisse als frauenheilkundliche Pflanze. Insgesamt prädestinieren somit folgende Heilwirkungen die Melisse für einen Einsatz als Arznei- und Frauenheilmittel:

  • Verdauungsbeschwerden
    z.B. Blähungen, Magenschmerzen, Magenkrämpfe oder Völlegefühl

  • dermatologische Beschwerden
    z.B. Blutergüsse, Quetschungen, Lippen-Herpes oder entzündliche Mückenstiche

  • Erkältungssymptome
    z.B. Bronchitis, Fieber, Hals-, Kopf- oder Ohrenschmerzen

  • Frauenleiden
    z.B. Menstruationsbeschwerden, Periodenkrämpfe oder Milchstau

  • Gelenks- und Nervenleiden
    z.B. Migräne, Gicht, Reizbarkeit, Nervosität, innere Unruhe

  • Herzbeschwerden
    z.B. Bluthochdruck, Herzstolpern oder nervöses Herzrasen
Wissenswertes: Im Jahr 1988 bekam die Zitronenmelisse den wohl verdienten Titel der Arzneipflanze des Jahres. 2006 folgte eine weitere Auszeichnung, ausgestellt vom Verein der ’naturgemäßen Heilweisen nach Theophrastus Bombastus von Hohenheim‘. Besagter Namenspatron des Vereins ist niemand geringerer als Paracelsus, der seinen bürgerlichen Familiennamen Hohenheim einst amtlich in die lateinisierte Variante abänderte.

Inhaltsstoffe der Melissa officinalis

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Die Melisse verfügt über einige gesundheitsfördernde Inhaltsstoffe, welche das Kraut zu einer Geheimwaffe gegen zahlreiche Symptome machen. Unter anderem enthält die Heilpflanze pro 100 g Frischgewicht etwa 253 mg Vitamin C, was den durchschnittlichen Tagesbedarf eines gesunden Erwachsenen um das zweifache decken würde. Für die Gesundheit und Regenerationsfähigkeit des Körpers ist das Vitamin von unschätzbarem Wert, weshalb es auch die Heilwirkung von Melisse in bedeutendem Maße unterstützt.

Des Weiteren ist das in Melisse enthaltene Thymol ein antibakterielles Monoterpen, das in den ätherischen Ölen zahlreicher Heilpflanzen (z.B. Thymian und Oregano) zu finden ist. Bereits die alten Ägypter nutzten Thymol zur Konservierung von Mumien, da es zum einen stark desinfizierend wirkt und zum anderen Bakterien, sowie Pilze bekämpft. Ergänzend unterstützen folgende Inhaltsstoffe den entkrampfenden Effekt der ätherischen Öle in Melissa officinalis:

  • Bitterstoffe
  • Caryophyllenepoxid
  • Citronellal
  • Geraniol
  • Glykoside
  • Harz
  • Linalool
  • Nerol
  • Saponine

Anwendung und Nebenwirkungen – Melisse als Arznei- oder Küchenkraut anwendbar

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Das ätherische Öl der Melisse ist als krampflösendes, verdauungsförderndes Heilmittel gut bekannt. Ebenfalls berühmt ist auch Melissengeist, der seit Jahrhunderten als Magenbitter gegen Krämpfe und Verdauungsbeschwerden eingesetzt wird. Für Melissentee, etwa bei Husten oder Bronchitis, nehmen Sie am besten eine Handvoll frische oder zwei Teelöffel getrocknete Melissenblätter pro 1 l Wasser.

Ferner lässt sich die Zitronenmelisse auch hervorragend als Badezusatz oder belebende Duftkomponente in Potpurries und Blumengestecken verwenden. Eine Verfeinerung von Getränken, Salaten und Süßspeisen, die einer zitronigen Note bedürfen, können Sie mit Melisse natürlich ebenfalls durchführen.

Nebenwirkungen: Insbesondere Schwangeren, Stillenden und Kindern unter zwölf Jahren wird eine Langzeitanwendung von Melissentee wegen der enthaltenen Gerbstoffe und Pyrrolidinalkaloide (natürlicher Schutz gegen Fressfeinde) nicht empfohlen, da beide Inhaltsstoffe auf Dauer reizend wirken können. Zudem wird Melissenteeliebhabern empfohlen, auf gemischte Kräuterteesorten zu verzichten. Häufig sind es die sogenannten ‚Beikräuter‘, die bei der Ernte mit in die Kräutermischung gelangen und einen erhöhten Pyrrolizidinalkaloidgehalt aufweisen.

Fazit

Von Melissengeist über Tee bis hin zu medizinisch wirksamen Ölen ist Zitronenmelisse eine vielseitig anwendbare Heilpflanze. Der Lippenblütler hat sich seinen Platz als Heilkraut wohl verdient und ist nahezu frei von unerwünschten Nebenwirkungen. In Maßen angewendet oder getrunken, braucht der Anwender auch vor den leicht giftigen Pyrrolizidinalkaloiden keine Angst zu haben. Im Zweifelsfall oder bei Fragen stehen Apotheker Ihnen allerdings gerne als Berater zur Verfügung.

 

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