Otolithen – wenn Ihnen plötzlich Lagerschwindel droht

Der benigne paroxysmale Lagerungsschwindel (BPLS) ist eine sehr häufige Form von Schwindel, die in der Regel durch Ohrensteine (Otolithen bzw. Otokonien) ausgelöst wird. Dabei ist es aber falsch zu denken, es handle sich bei Otolithen um unerwünschte Fremdkörper im Ohr. Ganz im Gegenteil, sind diese kleinen Kalzitkörnchen für unsere Wahrnehmung unglaublich wichtig. Ein Lagerungsschwindel deutet lediglich darauf hin, dass die Otokonien ihren Aufgaben im Ohr nicht mehr richtig nachkommen können. Erfahren Sie hier mehr zur Funktion von Ohrensteinen und was Sie unternehmen können, wenn es durch die Kalzitkörnchen zu BPLS kommt.

Was sind Otolithen?

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Es mag sonderbar klingen, doch Otolithen sind etwas, das Menschen und Tiere mit den Pflanzen gemeinsam haben. Unter dem Oberbegriff der Statolithen definieren Sie mineralische Gebilde, die bei lebenden Organismen für bestimmte Orientierungsfunktionen zuständig sind. Bei Menschen und Tieren bezeichnet man diese Statolithen auch als Otolithen oder Otokonien, wobei menschliche Ohrensteine im Speziellen aus Kalziumcarbonatkristallen bestehen. Aufgrund ihrer feinkrümeligen Beschaffenheit werden diese Kalzitkörnchen auch Gehörsand genannt.

Um die Lage und Funktion von Otokonien und damit die Entstehung von BPLS nachvollziehen zu können, muss man sich den Aufbau des Innenohrs etwas genauer ansehen. Dieses ist nicht nur für die Geräuschwahrnehmung zuständig, sondern zu großen Teilen auch für die räumliche Wahrnehmung. Hierzu befindet sich im Innenohr das Vestibularorgan (Organon vestibulare), besser bekannt als Gleichgewichtsorgan. Es liegt im Innenohr direkt hinter den Gehörknöchelchen des Mittelohrs und ist für die Wahrnehmung von Beschleunigung und Schwerkraft unerlässlich. Zu diesem Zweck besitzt das Vestibularorgan einen hochkomplexen Aufbau:

  • Bogengänge (Ductus semicirculares) – Die Bogengänge bilden drei halbkreisförmige Hohlröhrchen, die gemeinsam die Form einer dreidimensionalen Brezel ergeben. Dabei ist jeder Bogengang mit Endolymphe gefüllt, welche im Falle einer Drehbewegung kurzfristig dem Gesetz der Masseträgheit folgt und sich deshalb erst mit leichter Verzögerung in Drehrichtung bewegt. Entsprechende Signale erlauben uns, den Beginn einer Drehung wahrzunehmen und werden anschließend über den Bogengangnerv (Nervus vestibularis) an das Gehirn weitergeleitet..
  • Ampulle (Ampulla), Gallertkegel (Capula) und Gelklumpen (Otoconia) – Am Ende erweitert sich jeder Bogengang zu einer Ampulle. Sie ist mit feinen Sinneshärchen versehen, die mit ihren Spitzen in den sogenannten Gallertkegel hineinragen. In dieser gallertartigen Masse findet sich ein Gelklumpen, der die als Macularorgane bekannten Aussackungen des Gleichgewichtsorgans, Sacculus und Utriculus beherbergt..
  • Macularorgane – Das Säckchen (Sacculus) ist im Gleichgewichtsapparat für die Wahrnehmung von Vertikalbeschleunigungen verantwortlich ist, wohingegen der kleine Schlauch (Utriculus) Horizontalbeschleunigungen registriert. Hier kommen nun auch die Otokonien ins Spiel, denn sie befinden sich an den Spitzen der Sinneshärchen (Härchen an den Sinneszellen) und tippen je nach Beschleunigungsrichtung des Körpers entweder auf Sacculus oder Utriculus. Gemeinsam mit den im Bogengang wahrgenommenen Drehbewegungen bilden die Kalzitkörnchen also die Basis der räumlichen Wahrnehmung.

Ursachen für Lagerungsschwindel durch Otolithen

Es wird ersichtlich, dass unsere Wahrnehmung stark abhängig von der Funktionalität der Otokonien ist. Zu einem Funktionsausfall der Ohrensteine und damit zu Lagerungsschwindel kommt es in diesem Zusammenhang grundsätzlich durch eine Ablösung der Steine von den Sinneshärchen im Gallertkegel.

Es wird vermutet, dass die Otokonien im Zuge des Lagerungsschwindels in einen Bogengang abwandern und dort die Signalentstehung behindern. In Folge werden aus dem Bogengang vermeintliche Drehsignale an das Gehirn weitergeleitet, die vom restlichen Sinnessystem (z.B. Augen) nicht bestätigt werden können. Die Konsequenz daraus sind widersprüchliche Informationen, auch vestibuläres Mismatch genannt, die dann im Gehirn Schwindelgefühle verursachen. Wie genau es zur Ablösung der Otokonien im menschlichen Innenohr kommt, ist bislang noch nicht geklärt. Es werden allerdings einige Risikofaktoren diskutiert. Hierzu zählen vor allem:

  • natürliche Alterungsprozesse: Besonders häufig lässt sich BPLS bei Personen mittleren Alters zwischen dem 50. und 60. Lebensjahr sowie bei älteren Personen um die 80 beobachten. Aus diesem Grund gehen Ärzte davon aus, dass eine natürliche Degeneration der Otokonien einer der häufigsten Auslöser für den Schwindel darstellt.
  • Ohrenerkrankungen: Auch Erkrankungen des Innenohrs können die Intaktheit der Otolithen gefährden. Vor allem Innenohrentzündungen wie die Labyrinthitis (vestibuläre Neuritis) sind hier sehr gefährlich. Sie wird häufig durch eine Vorentzündung im Bereich der Ohren ausgelöst, wobei Mittelohrentzündungen, Nasennebenhöhlenentzündungen und Hirnhautentzündungen die häufigsten Wegbereiter für eine Entzündung des Innenohrs sind.
  • Ohrtraumata und Kopfverletzungen: Gewaltsam abgelöst werden Ohrensteine womöglich durch traumatische Krafteinwirkung, wie sie bei einem Schädel-Hirn-Trauma, Schleudertrauma, Schädelbasisbruch, aber auch bei Stürzen und tätlichen Auseinandersetzungen entsteht, die Verletzungen im Bereich des Kopfes zur Folge haben. Ebenso können Innenohroperationen, bei denen das Gleichgewichtsorgan beschädigt wurde, für den Lagerungsschwindel bei Betroffenen verantwortlich sein.
  • neurologische Erkrankungen: Als Ursache des Lagerungsschwindels unterschätzt werden eventuell Nervenerkrankungen, die zu einem Untergang der Sinneszellen und damit der Sinneshärchen im Innenohr führen. Denkbar sind hier zum Beispiel Krankheiten wie Migräne oder Nervenentzündungen, welche den festen Sitz der Kalzitkörnchen an den Sinneshärchen gefährden. Verwiesen sei hierbei abermals auf bestehende Vorentzündungen wie eine Mittelohr- oder Hirnhautentzündung, die im späteren Verlauf auf die Sinnesnerven des Innenohrs übergreifen kann.

Symptome bei Lagerungsschwindel

Charakteristisch für einen durch losgelöste Ohrensteine verursachten BPLS ist natürlich zunächst einmal der Schwindel an sich. Die Schwindelattacken halten bis zu 30 Sekunden an und treten gemäß der gestörten Funktion des Gleichgewichtsorgans anfallsartig beim Drehen des Kopfes sowie beim Hinauf- und Hinabblicken auf. Allerdings sind darüber hinaus auch eine Reihe von Begleitsymptomen denkbar. Alles in Allem müssen Patienten mit folgenden Beschwerden rechnen:

  • Schwindel bzw. Drehschwindel bei Kopfbewegung
  • Gangunsicherheiten
  • Übelkeit
  • Erbrechen
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Diagnose und Behandlung des Lagerungsschwindels

Die Diagnose von BPLS erfordert zunächst eine Anamnese, in der bestehende Symptome sowie mögliche Ursachen für die Ablösung der Otokonien gefunden werden. Erhärtet sich hier ein anfänglicher Bedacht, kommt ein spezieller Provokationstest namens Dix-Hallpike-Lagerungsprobe zum Einsatz. Dabei versucht der Arzt, den Schwindel gezielt zu provozieren, indem der Patient bewusst Drehbewegungen des Kopfes sowie einer schnellen Verlagerung des Körpers vom Sitz ins Liegen ausgesetzt wird. Liegt ein Lagerungsschwindel vor, so entstehen durch die Provokation binnen weniger Sekunden eindeutige, unkontrollierte Augenbewegungen, die wie ein Flackern erscheinen.

Bei positivem Befund erfolgt dann meist eine Behandlung durch das Epley-Manöver oder Semont-Manöver. Die Übungen können sowohl in der Arztpraxis als auch zu Hause durchgeführt werden. Letzteres ist notwendig, falls die Steinchen erneut in den Bogengang abwandern. Nachstehend finden Sie eine Vorgangsbeschreibung zum Semont-Manöver:

  1. Schritt: Setzen Sie sich aufrecht auf die Behandlungsliege oder auf das Sofa und drehen Sie den Kopf um 45° gen betroffene Ohrseite drehen.
  2. Schritt: Als nächstes Legen Sie sich zügig um 90° nach hinten. Sie sollten nun mit angewinkelten Beinen auf der Sitzfläche liegen, während der Kopf nach oben zur Decke zeigt. In diesem Schritt kann kurzfristig ein Lagerungsschwindel eintreten.
  3. Schritt: Nach Einnehmen der Liegeposition sollte vorübergehend ein kurzer Lagerungsschwindel eintreten. Verbleiben Sie aber dennoch für etwa 10 bis 20 Sekunden in dieser Position, bis der Schwindel abgeklungen ist.
  4. Schritt: Nun legen Sie sich zügig auf die andere Seite, behalten die Kopfposition aber weiter bei. Auf die Sitzfläche blickend, verharren Sie nun für weitere 20 Minuten in der Seitenlage.
  5. Schritt: Richten Sie sich abschließend vorsichtig wieder auf. Hierbei kann abermals ein leichter Lagerungsschwindel eintreten. Der Ohrenstein sollte nach dem Manöver jedoch erfolgreich vom betroffenen Bogengang zurück in den Gallertkegel gerutscht und somit erneutem Schwindel vorgebeugt sein.
Wichtig: Je nach Ursache für den fehlgelagerten Ohrenstein müssen Ärzte die ursächlichen Krankheiten behandeln. Liegt zum Beispiel eine Entzündung oder Infektion vor, muss diese ergänzend mit entzündungshemmenden Medikamenten, Antibiotika oder Virustatika therapiert werden. Neurologische Krankheiten und Verletzungen im Kopfbereich erfordern ebenfalls eine gesonderte Zusatzbehandlung.

Lagerungsschwindel – Verlauf, Komplikationen und Prävention

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  • Sofern keine Vorerkrankung besteht, ist Lagerungsschwindel nach Anwendung des Therapiemanövers normalerweise zumindest vorübergehend behoben. Der lose Ohrenstein wird wieder von der Gallertmasse umschlossen und ist somit sicher an seinem angestammten Platz verwahrt. Auch ohne entsprechende Manöver kann ein Otolith innerhalb einiger Wochen wieder in seine Ausgangsposition rutschen.
  • Ungeachtet etwaiger Gegenmaßnahmen wandert der Ohrenstein bei 30 bis 50 Prozent der Betroffenen im Laufe der nächsten zwei Folgejahre allerdings erneut in einen Bogengang ab, sodass die Übungen bei Bedarf von Zuhause aus wiederholt werden müssen.
  • Komplikationen treten bei Lagerungsschwindel zum Einen durch die Alltagseinschränkungen auf, die der Schwindel mit sich bringt. So lange sich Ohrensteine im Bogengang befinden, verursachen sie wie bereits erwähnt starke Wahrnehmungsstörungen und Unwohlsein. Bei Vorentzündungen, Vorinfektionen oder Verletzungen kommt erschwerend die Gefahr chronischer Verläufe und irreparabler Schäden am Gleichgewichtsorgan hinzu. Eine Inaugenscheinnahme der Otokonien ist deshalb zumindest beim erstmaligen Auftreten des Lagerungsschwindels ratsam.
  • Vorbeugen lässt sich Lagerungsschwindel leider nicht. Das Ablösen von Ohrensteinen geschieht meist spontan und ist bislang noch nicht ausreichend erforscht. Mit Blick auf die guten Behandlungsmöglichkeiten besteht in den meisten Fällen aber kein Grund zur Sorge.

Fazit

Otolithen oder Otokonien sind kleine Kalzitkörnchen, die eigentlich einen natürlichen Bestandteil des menschlichen Gehörs und des Gleichgewichtssinns darstellen. Geraten sie von ihrem angestammten Platz im Gleichgewichtsorgan jedoch auf Abwege, kann dies immense Wahrnehmungsstörungen zur Folge haben, die sich letztendlich in Lagerungsschwindel ausdrücken. So besorgniserregend diese Erfahrung aber auch sein mag, gibt es sehr einfache Behandlungsmöglichkeiten in Form gezielter Übungen für Kopf und Körper, die den ausgerissenen Ohrenstein wieder zurück in seine ursprüngliche Position versetzen. Bewahren Sie daher bei einem Schwindel dieser Art Ruhe und wenden Sie das in diesem Beitrag aufgezeigte Manöver an. Ergänzend ist es sinnvoll, einen Arzt aufzusuchen, um mögliche Ursachen für den abgelösten Stein zu ergründen.

 

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