Sonntag, Dezember 15, 2019

Multiple Sklerose

Multiple Sklerose – Ursachen, Symptome, Therapie

In Mitteleuropa gilt Multiple Sklerose (Encephalomyelitis disseminata) als häufigste chronisch-entzündliche Erkrankung des Zentralnervensystems. In Deutschland kommen laut Studien auf 100 000 Einwohner schätzungsweise 149 Patienten, wodurch sich hierzulande eine Gesamtzahl von etwa 122 000 Betroffenen ergibt. Liegt hingegen die Welt im Fokus, gehen Statistiker von insgesamt ca. 2,5 Millionen Menschen aus, die an einer Multiplen Sklerose leiden. Dabei sucht die Autoimmunkrankheit Frauen etwa doppelt so häufig heim wie Männer. Lesen Sie im folgenden mehr zum Thema.

Was ist Multiple Sklerose? – Einzelheiten zur Encephalomyelitis disseminata

Die Nervenfasern des menschlichen Körpers sind von elektrisch isolierenden äußeren Schichten (Mark- bzw. Myelinscheiden) umgeben. Bei Multipler Sklerose greift das körpereigene Immunsystem diese Schichten jedoch an, was zunächst Entzündungen an den Myelinscheiden verursacht. Im weiteren Verlauf kommt es aufgrund der chronischen Entzündungsherde zu schweren Schäden und Störungen an der Nervenschutzschicht, sowie an den Nerven selbst. Werden diese nicht rechtzeitig behandelt, kann eine bleibende Dysfunktion oder Behinderung des Patienten die Folge sein.

Wie genau sich die Beschwerden für Patienten gestalten und wie schnell die Autoimmunerkrankung voranschreitet, ist bei einer Multiplen Sklerose stark abhängig von den jeweiligen Verlaufsformen. Hier ein kleiner Überblick:

 

primär progrediente MS (PP-MS) – Bei dieser Verlaufsform von MS finden keine Krankheitsschübe statt. Der Verlauf der Erkrankung geht eher schleichend voran und entstehende neurologische Defizite bilden sich nicht zurück. Eine dauerhafte Behinderung bzw. Dysfunktion der Nerven ist somit bei PP-MS sehr wahrscheinlich.

sekundär progrediente MS (SP-MS) – Bei SP-MS findet die Zunahme der neurologischen Schädigung sekundär als Folge eines milderen Krankheitsstadiums statt. Ähnlich wie bei PP-MS bilden sich auch für eine sekundär progrediente Multiple Sklerose keine Zurückbildung entstandener Nervenschäden zu erwarten. In vielen Fällen geht die SP-MS aus einer RR-MS hervor und ist somit gewissermaßen als Spätform der Erkrankung zu bezeichnen.

schubförmig remittierende Multiple Sklerose (RR-MS) – Bei der RR-MS verläuft die Entzündung der Markscheiden in mehreren Schüben. Als Schub wird hierbei eine fortschreitende Verschlimmerung bestehender Symptome oder ein Neuauftritt bislang unbekannter Symptome bezeichnet, die mindestens 24 Stunden andauern und in direktem Zusammenhang mit der Schädigung des zentralen Nervensystems stehen. Ein Schub kann bei RR-MS von einem Tag bis hin zu mehreren Wochen dauern. Nach Ende eines Schubs besteht die Möglichkeit einer Rückbildung der Entzündungsherde, die jedoch nicht in jedem Fall eintreten muss.

 

Die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) gibt in einer Statistik an, dass zu Krankheitsbeginn der Multiplen Sklerose mit einer Häufigkeit von 90% schubförmige Verlaufsformen diagnostiziert werden. Bei 10 bis 15 % der Erkrankten nimmt die Autoimmunerkrankung danach eine primär-chronisch progrediente Verlaufsform an.

Ursachen für Multiple Sklerose

Nervenzelle in Aktion
© peterschreiber.media – Fotolia.com

Die genauen Ursachen für die Entstehung von Multipler Sklerose sind noch weitestgehend unbekannt. Vermutet wird aber ein Zusammenspiel aus Veranlagung, Immunschwäche und Umwelteinflüssen, wie folgende, medizinische Hypothesen aufzeigen:

 

genetische Hypothese: Die Genetik spielt bei Autoimmunerkrankungen häufig eine relevante Rolle. Auch was Multiple Sklerose anbelangt fanden Forscher heraus, dass Patienten besondere Genvariationen besitzen, die mit dem Immunsystem in Verbindung stehen. Hierzu zählen zum Beispiel die Gengruppen TNFR1 und HLA, welche auch bei autoimmunen Erkrankungen wie Diabetes Typ I oder Morbus Crohn als Risikofaktoren gelten. Darüber hinaus deuten Studien aus den Vereinigten Staaten darauf hin, dass Multiple Sklerose bei Amerikanern mit hispanischem und afrikanischem Erbgut seltener auftritt.

Infektionshypothese: Manche Viren (z.B. der Epstein-Barr-Virus und das Humane Herpesvirus 6) stehen im Verdacht, das Erkrankungsrisiko von MS zu erhöhen. Als erwiesen gilt schon jetzt, dass das Immunsystem von an Multipler Sklerose erkrankten Kindern häufiger eine Reaktion gegen das Eppstein-Barr-Virus zeigt. Des Weiteren werden manche bakteriellen Infektionserreger (v.a. Chlamydien, Spirochäten, Rickettsien und Streptococcus mutans) mit der Entstehung von MS assoziiert.

Raucherhypothese: Laut einer Meta-Analyse erhöht sich bei Rauchern das MS-Erkrankungsrisiko um das 1,2- bis 1,5-fache. Bei 129 Patienten eines CIS (klinisch isolierten Syndroms) ergab sich in 75 % der Raucher-Fälle die Diagnose Multiple Sklerose, wohingegen es bei den Nichtrauchern lediglich 52 % waren. Auffallend ist zudem die Tatsache, dass Raucher ein erhöhtes Risiko besitzen, an chronischen Verlaufsformen einer Multiplen Sklerose zu erkranken. Wie genau das Rauchen aber eine bestehende MS beeinflusst, ist derzeit noch nicht bekannt.

Schubthese: Bei Verlaufsformen mit Schubtendenz wurden Triggerfaktoren entdeckt, die einzelne Schübe durch eine Schwächung des Immunsystems provozieren können. Als erwiesen gilt beispielsweise der direkte Zusammenhang zwischen einer immunschwächenden Infektionserkrankung wie Grippe und einer erhöhten Schubwahrscheinlichkeit. Schadstoffbelastungen in der Luft oder ungesunde Lebensmittelzusätze kommen ebenfalls als Trigger für MS-Schübe in Frage.

 

Welche Symptome verursacht Encephalomyelitis disseminata?

Nerven
CC0

Leider gibt es in Sachen Symptome bei Multipler Sklerose kaum festgelegte Verlaufsformen. Je nach Patient existieren individuelle Entzündungsherde, an deren Lokalisation sich die Beschwerden orientieren. Dennoch sind einige einschlägige Symptome bekannt, von denen Betroffene immer wieder berichten. Hierzu zählt zum Beispiel das Gefühl vom ‚Ameisenlaufen‘ in Armen und Beinen, welches Patienten mit einer Multiplen Sklerose häufig zum ersten Arztbesuch bewegt. Ebenso beklagen viele Erkrankte das Gefühl, wie auf Watte zu gehen. Neben diesen Kribbel- und Taubheitsgefühlen, die bei etwa einem Drittel aller Fälle von Multipler Sklerose auftreten, kommen noch folgende Symptome in Frage:

  • abnorme Müdigkeit
  • Blasen- und Darmstörungen
  • Depressionen
  • Empfindungsstörungen
  • kognitive Beeinträchtigungen
  • Muskel- und Nervenspasmen
  • Muskelschwäche
  • Sehstörungen
  • Schmerzen

Diagnose und Therapie bei Multiple Sklerose

© ag visuell - Fotolia.com
© ag visuell – Fotolia.com

Die größte Schwierigkeit bei der Diagnostizierung von MS liegt darin, die Erkrankung überhaupt zu erkennen, da es keine speziellen diagnostischen Tests für die Autoimmunerkrankung gibt. Oftmals absolvieren Patienten eine jahrelange Odyssee an Arztbesuchen, bis die richtige Diagnose gestellt wird. Ist ein Neurologe allerdings auf die Wahrscheinlichkeit einer Multiplen Sklerose aufmerksam geworden, folgt zuerst eine Abklärung und ein systematischer Ausschluss anderer neurologischer Erkrankungen, wie Schlaganfälle, Gehirnentzündungen oder Entzündungen der Blutgefäße. Hierfür werden Kernspinttomatographien, Magnetresonanztomographien und Messungen der Nervengeschwindigkeit im Zentralnervensystem durchgeführt.

Ebenso können Blut und Liquorwasser (Flüssigkeit des ZNS) untersucht werden. Die Diagnosestellung ist hier sehr aufwändig, daher wird bei positiv getesteten Patienten meist auf Folgetests verzichtet. Stattdessen geht man von einer frühen Verlaufsform aus und beginnt relativ zügig mit einer Standardtherapie.

 

medikamentöse Therapie: Um die Symptome einer Multiplen Sklerose zu behandeln und einer Behinderung so lange wie möglich vorzubeugen, werden hauptsächlich Medikamente eingesetzt, die auf das Immunsystem einwirken. In der Standardtherapie für moderate Verlaufsformen werden Interferone, Glatirameracetat, Teriflunomid und Dimethylfumarat eingesetzt. Bei (hoch)aktiven Verlaufsformen werden Natalizumab, Fingolimod, Alemtuzumab und Mitoxantron verschrieben. Die Medikamente wirken zum einen antiviral und antitumoral auf die Entzündungsherde, Zum anderen stimulieren sie das Immunsystem und mindern das Schubrisiko.

Physio- und Ergotherapie: Patienten mit MS leiden oft an einer oder mehreren Spasmen, die mittels konsequenter und frühzeitig begonnener Physiotherapie teilweise reduziert werden können. Auch Logopädie sowie Ergotherapie können positiv auf die neuronalen Störungen einwirken.

Psychotherapie: Als Nervenkrankheit kann Multiple Sklerose bei Betroffenen Depressionen verursachen oder verstärken. Auch ist die Autoimmunerkrankung für die wenigsten Patienten leicht zu akzeptieren. Es wird daher häufig bereits nach der Erstdiagnose empfohlen, sich frühzeitig in eine Gesprächstherapie zu begeben.

Ernährungstherapie: Eine gesunde und vollwertige Ernährung ist für Patienten mit Multipler Sklerose eine gute Kompensationsmethode. Die durch die Nahrung aufgenommenen Vitamine und Nährstoffe werden dringend benötigt, um die Funktionen des Gehirns aufrecht zu erhalten und Störungen im Zentralnervensystem vorzubeugen.

 

Multiple Sklerose – Tipps für Betroffene und Angehörige

Sehnerventzündung
CC0

Patienten mit Encephalomyelitis disseminata haben mit vielfältigen, teilweise sehr individuellen Problemen zu kämpfen. Einen allgemeinen Leitfaden für den Umgang mit der Erkrankung gibt daher es nicht. Zu den drei häufigsten, krankheitsrelevanten Themen gehören allerdings Diäten, Impfungen und der Umgang mit Hitze.

  • So manche Diätform (unter anderem auch eine vegetarische bzw. vegane Diät) verspricht bei Multipler Sklerose wahre Wunder. Da die Ernährung den Verlauf der Autoimmunerkrankung aber im Guten wie im Schlechten beeinflussen kann, sollten Sie auf jeden Fall mit Ihrem Arzt das Vorgehen besprechen und auf spontane, radikale Ernährungsumstellungen in Eigenregie verzichten.
  • Generell gilt, dass Sie sich gefahrlos gegen Tetanus, Röteln, Hepatitis B impfen lassen können. Auch der Grippeschutzimpfung steht nichts im Wege. Impfungen, die mittels Lebendimpfstoff erfolgen (z.B. gegen FSME oder Kinderlähmung) sollten Sie jedoch vorab mit Ihrem Arzt besprechen, da Lebendimpfstoffe das Schubrisiko erhöhen und sogar einen Schub auslösen können.
  • Wenn Sie an Multipler Sklerose erkrankt sind, können heiße Tage zu einer regelrechten Zerreissprobe für Ihre Nerven werden. Achten Sie unbedingt auf ausreichende Kühlung des Körpers mittels luftdurchlässiger Kleidung. Halten Sie sich ferner nur in gekühlten Räumen auf und nehmen Sie ausreichend Flüssigkeit zu sich. Kühlpackungen, auf Handgelenke und Stirn gelegt, können die Hite ebenfalls effektiv fernhalten.
  • Für Patienten, aber auch für Angehörige kann es sinnvoll sein, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen. Auch untereinander sollte der gegenseitige Austausch zur allgemeinen Verständnisförderung eine zentrale Rolle des Zusammenlebens einnehmen, um aus Unverständnis resultierendem Frust, sowie Konflikten vorzubeugen.

Fazit

Auch wenn die genauen Ursachen für Multiple Sklerose noch nicht genau erforscht sind, gibt es gute, individuell anpassbare Behandlungsmöglichkeiten für Betroffene. Generell sollten Sie als MS-Patient jede Lebensumstellung (z.B. Diäten, Impfabsichten) vorab mit Ihrem behandelnden Neurologen besprechen, damit keine Verschlechterung Ihres Zustandes oder gar eine Behinderung provoziert wird. Dank Austauschplattformen wie der Homepage des DMSG können sich Betroffene wie auch Angehörige zudem untereinander austauschen, was präventiv gegen die Isolierung der Patienten wirkt und den Umgang mit der Krankheit erleichtert. Wenn Sie sich über das laufende Geschehen und Neuigkeiten beim DMSG informieren möchten, klicken Sie hier.