Donnerstag, September 19, 2019

Beckenschiefstand

Beckenschiefstand – Ursachen, Symptome, Therapie

Laut jüngsten Studien sind gut 70 % der deutschen Bevölkerung von einem leichten oder schweren Beckenschiefstand betroffen. Einige Ursachen dafür liegen in bestehenden Grunderkrankungen (z.B. Beinlängendifferenz oder Skoliose) und Unfalltraumata begründet. Der rapide Anstieg des prozentualen Anteils von Betroffenen aber ist daneben auch einem modernen Alltag geschuldet, der einen Beckenschiefstand durch ungesunde Körperhaltung und Bewegungsmangel begünstigt. Lesen Sie hier mehr dazu.

Was genau ist ein Beckenschiefstand?

Unser Becken ist das unabdingbare Verbindungsstück zwischen Wirbelsäule und Beinextremitäten. Folglich ist es für die Stabilität des Haltungs- und Bewegungsapparates essenziell. Ein Schiefstand des Beckens führt demnach zu signifikanten Problemen bei der Körperhaltung und Fortbewegung. Zudem sind mögliche Schmerzen bei einem Beckenschiefstand nicht zu unterschätzen.

Generell unterscheidet die Medizin zwischen zwei Formen von Beckenschiefstand. Die Klassifizierung ist dabei sowohl zur Ursachenerforschung, als auch zur Verlaufsprognose und Wahl geeigneter Therapiemaßnahmen wichtig, wie die nachstehende Definition zeigt:

© hamara - Fotolia.com
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struktureller Beckenschiefstand – Von einem strukturellen Schiefstand des Beckens ist immer dann die Rede, wenn bei Patienten eine Beinlängendifferenz vorliegt. Es handelt sich hier also um einen durch unterschiedlich lange Beine verursachten Beckenschiefstand. Dieser ist vergleichsweise selten und lässt sich meist durch orthopädische bzw. osteopathische Maßnahmen gut behandeln.

 

funktioneller Beckenschiefstand – Schwerwiegender als der strukturelle ist der funktionelle Beckenschiefstand. Hier kommen zum einen muskuläre Verspannungen und Dysbalancen als Ursache für die Erkrankung in Betracht. Zum anderen sind Unfallursachen, ungesunde Haltungsgewohnheiten und Krankheiten wie Skoliose als Grund für den funktionellen Beckenschiefstand nicht auszuschließen.

Ursachen für einen Beckenschiefstand

Immer wieder gibt es in der Medizin Diskussionen darüber, welche konkreten Gründe für einen Schiefstand des Beckens gelten sollen. Manche beharren dabei darauf, dass der Beckenschiefstand nichts mit alltäglichen Haltungs- und Bewegungsroutinen zu tun hat. Die nahezu explodierende Anzahl an Neuerkrankungen steht dieser Behauptung jedoch entschieden gegenüber. Und auch die nachstehende Ursachenforschung beweist, dass Alltagsgewohnheiten durchaus eine wichtige Rolle bei der Entstehung des Beckenschiefstands spielen und etwaige Beschwerden sogar verschlimmern können. Doch lesen sie selbst:

Beinlängendifferenz: Wenn ein Bein länger als das andere ist, gerät das Becken ohne entsprechenden Ausgleich der Beinlängendifferenz automatisch in Schieflage. Je größer der Längenunterschied der Beine dabei ist, desto schlimmer der Beckenschiefstand. Besagte Beinlängendifferenz kann hierbei entweder angeboren sein oder durch die nachträgliche Verkürzung eines Beines (z.B. durch Unfall, Amputation oder Krankheit) erworben sein.

 

Wirbelsäulenkrümmung: Die auch als Skoliose bekannte Wirbelsäulenverkrümmung ist als Urheber zahlreicher Beckenschiefstände bekannt. Die Erkrankung wird meist durch Nerven- oder Muskelerkrankungen verursacht. Darüber hinaus kommen Unfälle, operative Eingriffe und eine dauerhaft ungesunde Körperhaltung als Urheber einer Skoliose in Frage. Gleichzeitig kann Skoliose auch die Folge eines Beckenschiefstands durch Beinlängendifferenz sein.

 

Gelenkkrankheiten: Erkrankungen der Bein- und Wirbelgelenke, wie sie etwa für Arthrose typisch sind, gefährden den Sitz des Beckenknochens ebenfalls. Vor allem wenn das Becken einseitig nach unten absackt, weil ein tragendes Beingelenk an Stabilität eingebüßt hat, ist mit einem Beckenschiefstand zu rechnen.

 

Unfälle: Herbe Gewalteinwirkungen auf das Becken begünstigen nicht nur einen Beckenbruch. Im Zuge eines entsprechenden Unfalls kann es auch zu Verschiebungen und Verformungen im Becken-, Bein- und Wirbelsäulenbereich kommen. Denkbar sind daneben Komplikationen bei der Verheilung eines unfallbedingten Beckenbruchs, welche die gesunde Beckenlage dauerhaft beeinträchtigen.

 

falsche Körperbelastung und Sitzhaltung: Wenn Sie in Ihrem Alltag lange, ‚idealerweise‘ auch noch in ungesunder Haltung sitzen, oder Ihr Körper dauerhaft einseitig belastet wird, neigt die Wirbelsäule dazu, sich bedenklich zu verändern. Der unnatürliche Spannungszustand der Muskeln begünstigt dabei nicht nur starke Rückenschmerzen, sondern auch permanente Muskeldysbalancen und Fehlhaltungen. Ein Beckenschiefstand ist hier ebenfalls nicht auszuschließen. Als besonders gefährdete Berufsgruppen gelten in diesem Zusammenhang Büroberufe und Berufe, die mit dem Heben von Schwerstlasten verbunden sind. Zudem gelten überwiegend sitzgebundene Freizeitbeschäftigungen als Risikofaktor für Beckenschiefstände dieser Art.

 

falsche Bewegung und Bewegungsmangel: Falsch ausgeführter Sport ist mit Blick auf einen möglichen Beckenschiefstand nicht weniger bedenklich als kompletter Bewegungsmangel. Während ein Mangel an Bewegung zu allgemeinen Haltungsschwächen führen kann, begünstigt beim Sport die bereits erwähnte Fehlbelastung eine Schieflage der Beckenknochen. Besonders gefährdet sind hier Lauf- und Kraftsportler.

 

Übergewicht: In Sachen Fehlbelastung, Haltungsschäden und Bewegungsmangel als Ursache für einen Beckenschiefstand ist ferner bestehendes Übergewicht zu nennen. Zwar führt Fettleibigkeit nur in besonders extremen Fällen zu einem schiefliegenden Becken, die Weichen für derartige Entwicklungen werden aber meist schon früher gestellt und können darüber hinaus auch zur Verschlimmerung eines bestehenden Beckenschiefstands führen.

© kentoh - Fotolia.com
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Welche Symptome verursacht ein Beckenschiefstand?

Das wohl charakteristischste Anzeichen für ein Becken in Schieflage sind Schmerzen. Neben Rückenschmerzen sind dabei auch Schmerzen in anderen Körperteilen denkbar, die aus einer Fehlbelastung der Wirbelsäule oder Beine resultieren. Bemerkbar machen sich Rückenschmerzen und Co. meist bei langem Sitzen oder Stehen. Allerdings hängt die Intensität der Schmerzen stark von Art und Stadium des Beckenschiefstands ab. Ein Beckenschiefstand im Rahmen einer einfachen Skoliose verursacht im Anfangsstadium beispielsweise kaum Schmerzen. Anders sieht es bei einer großen Beinlängendifferenz aus. Hier tritt die Skoliose häufig als sehr schmerzhaftes Begleitsymptom auf und ist deshalb mit dem Schmerzempfinden einer gewöhnlichen Wirbelsäulenkrümmung nicht zu vergleichen.

Wie bereits erwähnt sind bei einem Beckenschiefstand zusätzlich zu etwaigen Rückenschmerzen noch weitere Symptome möglich. Da die Wirbelsäule sich mit Voranschreiten der Erkrankung immer weiter abnutzt, nehmen die Beschwerden in ihrer Intensität auch häufig zu. Gerechnet werden muss mit:

  • Kopfschmerzen
  • Nackenschmerzen
  • Schulterschmerzen
  • Schmerzen im Bereich der Knie- und Fußgelenke
  • dauerhaften Bewegungseinschränkungen
  • Haltungsschäden
  • Muskelschwund

Diagnose und Therapie bei Beckenschiefstand

Verlässliche Erstuntersuchungen fallen bei einem schiefen Becken zumeist in den Aufgabenbereich der Osteopathie und Orthopädie. In schweren Fällen von Beckenschiefstand reicht zur Feststellung häufig eine Blickdiagnose. Da die Wirbelsäule hier stark in Mitleidenschaft gezogen wird, gibt die bloße Haltung des Patienten die Schiefstellung oftmals bereits preis. Des Weiteren ist ein Abtasten der Beckenknochen allgemein üblich.

Schwächere Formen von strukturellem oder funktionellem Beckenschiefstand, aber auch die Ergreifung geeigneter Therapiemaßnahmen bedürfen dagegen einer detaillierten Röntgenaufnahme oder einer 3D-Wirbelsäulenmessung, bei der Wirbelsäule und Becken gut sichtbar abgebildet werden. Des Weiteren kann eine Messung der Beine durch einen Orthopäden oder Osteopathen eine vorliegende Beinlängendifferenz ermitteln. Eine Therapie gegen die Beckenschieflage kann sich folgendermaßen gestalten:

orthopädische Maßnahem: Die Orthopädie kann eine leichte Beinlängendifferenz, ebenso wie moderate Formen der Skoliose durch Anwendung geeigneter Schuhmodelle, Schuheinlagen und Wirbelsäulenkorsetts durchaus beheben. Auf diese Weise lassen sich etwaige Mehrbelastungen vom Becken abwenden und dieses wieder ein eine stabile Lage bringen.

 

osteopathische Maßnahmen: Eine schwerwiegende Beinlängendifferenz, ebenso wie hochgradige Skoliose, Unfälle und Gelenkkrankheiten als Ursache für den Beckenschiefstand bedürfen dringend der Inaugenscheinnahme eines Osteopathen. Einerseits können osteopathische Maßnahmen, wie etwa die Verabreichung von Medikamenten, Rückenschmerzen und Co. als Folge des Schiefstands beheben. Andererseits könnten bei hochgradigen Beinlängendifferenzen und Beckenbrüchen umfangreiche Modifikationen an Becken- und Beinknochen notwendig werden, die einen chirurgischen Eingriff erfordern.

 

chirurgische Maßnahmen: Die Osteopathie bietet eine sehr gute Option, um eine Beinlängendifferenz als Ursache für einen Beckenschiefstand zu beheben: Die Beinverlängerung. Hierbei wird der Oberschenkelknochen des kürzeren Beines gebrochen und mit einem Fixateur wieder zusammengeschraubt. Der Fixateur sorgt dafür, dass der Bruch nicht sofort verheilt, sondern hält die Bruchstelle bewusst offen. Sobald sich nämlich genug Knochengewebe im Bruchkanal gebildet hat und diesen auszuhärten beginnt, wird der Knochen mit Hilfe des Fixateurs erneut auseinander gezogen. Dies geschieht so lange, bis die Beinlängendifferenz überwunden und ein Ausgleich der Beinlängen erreicht wurde. Generell ist in diesem Zusammenhang der Einsatz von zwei Varianten des Fixateurs möglich:

      • manueller Außenfixateur: Der äußere Fixateur ist eine relativ veraltete Technik, bei der ein Fixateurring am Bein angebracht wird, der eine Verbindung zur im Knochen gelegenen Stell-Streck-Schraube hat. Verstellt wird diese Schraube manuell, wobei dringend darauf geachtet werden muss, die Stellschraube richtig einzustellen. Leider sorgt diese Variante für eine permanent offene Wunde, weshalb das Infektionsrisiko verhältnismäßig hoch ist. Zudem birgt die Methode für Patienten große Schmerzen und die Gefahr einer ‚Überlängerung‘ des Beines, falls die Schraube nicht korrekt justiert wird. Mit Blick auf mögliche Komplikationen ist ein langer Aufenthalt im Krankenhaus nach Anbringung des Außenfixateurs optionslos.

 

      • automatisierter Innenfixateur: Fortschrittlicher als sein manueller Vorgänger ist der innere Fixateur. Dessen Stell-Streck-Schraube wird wie beim Außenfixateur direkt in den Knochen eingeführt, kann vom behandelnden Osteopathen jedoch über ein entsprechendes Programm fern-verstellt werden. Ein am Außenbein angebrachter Fixateurring ist somit nicht notwendig und auch das Infektionsrisiko offener Beinwunden entfällt, da nur die Bruchwunde im inneren des Beines offen gehalten wird. Auch berichten Betroffene davon, dass sich die Schmerzen bei einem automatisierten Innenfixateur in Grenzen halten. Im Normalfall kann der Patient zwei bis vier Wochen nach der Operation schon wieder nach Hause und muss nur noch zur Anpassung der Schraubeinstellung zum Osteopathen.zur chirurgischen Behandlung von Beckenbrüchen siehe: Beckenbruch – Ursachen, Symptome, Therapie

physio- und ergotherapeutische Maßnahmen: Nicht nur zur Remobilisierung nach einer Operation, sondern auch zur Besserung etwaiger Wirbelsäulenfehlstellungen sind Physio- und Ergotherapie bei einem Beckenschiefstand unerlässlich. Gezielte Bewegungsmaßnahmen stärken die Muskeln und richten eine geschwächte Körperhaltung schnell wieder auf. Auch alltägliche Bewegungsabläufe profitieren von den Therapieangeboten und können einer erneuten Schieflage des Beckens durch Fehlbelastung vorbeugen.

 

medikamentöse Maßnahmen: Rückenschmerzen und andere Schmerzsymptome erfordern je nach Schwere des Beckenschiefstands schmerzlindernde Medikamente. Welche Arzneimittel für Sie persönlich in Frage kommen, sollten Sie dabei mit ihrem behandelnden Arzt abklären.

Beckenschiefstand – Tipps und Infos für Betroffene

© decade3d - Fotolia.com
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  • Wenn Sie unter Beckenschiefstand leiden, sollten Sie es tunlichst vermeiden, eine falsche Sitzhaltung an den Tag zu legen. Ergonomisch geformte Sitzmöglichkeiten, aber auch regelmäßige Bewegungseinheiten zwischen einzelnen Sitzungen sind unbedingt in ihren Alltag zu integrieren, damit sich der Schiefstand Ihres Beckens nicht weiter verschlimmert. 
  • Nehmen Sie bei einem schief stehenden Becken ergo- und physiotherapeutische Angebote in Anspruch. Das geschulte Fachpersonal kann Ihnen im Umgang mit Ihren Beschwerden neue Wege aufzeigen. Die Kosten für viele dieser therapeutischen Angebote werden von der Krankenkasse übernommen. 
  • Gönnen Sie Ihrem geplagten Becken regelmäßig ein wohltuendes Entspannungsprogramm. Es ist wichtig, den dort befindlichen Muskeltonus vor weiteren Verspannungen zu schützen und ihn gesund zu halten. Dabei kommen sowohl Massagen, als auch entspannende Bäder in Betracht. 
  • Bewegung ist ein gutes Mittel, um geschwächte Muskelabschnitte und die Wirbelsäule zu stärken. Dies kommt zuletzt auch Ihrer Körperhaltung zu Gute und minimiert Fehlhaltungen, die durch einen Beckenschiefstand entstehen können. Allerdings ist es wichtig, auf die richtigen Sportarten zu setzen. Während Schwimmen, leichte Gymnastik, Yoga und moderates Krafttraining die Haltung bei Beckenschiefstand fördern, bedeuten Fahrradfahren, Skifahren und Joggen mitunter eine weitere Wirbelsäulenverkrümmung und erhöhen zudem die Gefahr weitere Schäden an Ihrer ohnehin schon geschwächten Becken- und Wirbelsäulenanatomie. 
  • Versuchen Sie im Falle eines Beckenschiefstands, Übergewicht zu vermeiden. Ihr Becken muss unter allen Umständen entlastet werden, wenn sich der Schiefstand bessern soll. Jedes Kilo zu viel erschwert diese Zielsetzung oder sorgt gar für eine Verschlimmerung der Beschwerden.

Fazit

Ein Beckenschiefstand ist eine komplizierte Angelegenheit und erfordert bisweilen umfangreiche Behandlungsmaßnahmen. Um diese zu unterstützen, ist eine bewusste Lebensweise zwingend notwendig. Insbesondere die richtige Körperhaltung und gesunde Bewegungsgewohnheiten sind hier relevant. Ergänzend hierzu eine ausführliche Beratung mit Spezialisten der Orthopädie, Osteopathie, Physio- und Ergotherapie notwendig. Sie sind tagtäglich mit Haltungsschäden, sowie anatomischen Ungereimtheiten konfrontiert und wissen daher am besten, was im Falle eines Beckenschiefstands zu tun ist.